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Die Künstliche Intelligenz der Zukunft

Roboter werden immer menschlicher und alltäglicher. Doch wie können künstliche Intelligenzen entwickelt werden, die den ethischen und moralischen Ansprüchen der Menschen gerecht werden? Über die großen Herausforderungen in der Robotik.         

Text:
AXA PARTNERS

März 2018

Sie lächelt. Begleitet von einem Blick aus unergründlichen Augen. Wenn sie spricht, wählt sie jedes Wort mit Bedacht. Sie stellt viele Fragen, nickt, hört zu, sinniert, hakt nach. Als sei sie auf der Spur eines großen Geheimnisses. Ava, nicht ohne Grund nach Eva – der ersten Frau – benannt, ist die Hauptfigur in Alex Garlands Kinofilm „Ex Machina“, einem virtuos inszenierten Zeitgeist-Thriller aus dem Jahr 2015 – und per se keine Sie, sondern ein Es. Eine künstliche Superintelligenz, die sich in einem weiblichen Traumkörper bewegt.

Ava repräsentiert den ewigen Traum des Menschen nach dem formvollendeten Humanoiden. Die Vorstellung des menschengleichen Roboters begleitet uns seit nahezu einem Jahrhundert: Das erste, dem Menschen nachempfundene Maschinenwesen des Kinos flimmerte bereits 1926 über die Leinwände. Es war die Roboterfrau Maria aus Fritz Langs „Metropolis“. Beide Figuren, Ava und Maria, vereint die immerwährende Volte zwischen dem Maschinellen und dem Menschlichen: Die Roboterfrau ist ein emotionales Wesen, das gegen das eigene Maschinenschicksal revoltiert, um in Freiheit zu leben – wie ein Mensch.

Roboter, die uns in Form und Wesen gleichen, sind schon so lange ein elementarer Teil der weitverbreiteten Vorstellung von künstlicher Intelligenz (KI), dass wir gar nicht umhin können, sie in menschengleicher Art zu denken. Die fantastischen Menschenmaschinen aus Filmen und Büchern haben dabei längst ihre fiktionale Umgebung verlassen und bevölkern die Realität. Von unseren hohen Erwartungen an die menschenähnlichen Kreaturen sind diese Roboter jedoch meilenweit entfernt. Zudem werfen sie viele Fragen auf – nicht nur, was ihre äußere Form, sondern auch, was ihr Handeln betrifft.

183_KI_img2/1   Sie ist eine Grenzgängerin: Ava, die Humanoidin aus Alex Garlands „Ex Machina“, ist auf der Suche              nach dem Geheimnis der Menschlichkeit.
          ©„Ex Machina“ auf Blu-ray und DVD erh.ltlich (Universal Pictures)

Künstliche Intelligenzen als soziale Roboter

Die Ava der echten Welt gibt es schon. Sie heißt Sophia und wurde im Jahr 2017 von Hanson Robotics entwickelt, einem asiatischen Technologieunternehmen, das sich vornehmlich auf menschenähnliche KI spezialisiert hat. Das neue Paradestück des Hongkonger Konzerns sitzt bereits in Talkshows, plaudert auf Konferenzbühnen und zierte jüngst sogar das Cover der Elle Brasil. Sophia, der „soziale Roboter“, soll nach dem Vorbild der jungen Audrey Hepburn erschaffen worden sein. Ihr verrutschtes Grinsen erinnert jedoch nur sehr rudimentär an die Gesichtszüge der britischen Stilikone. Fängt Sophia an zu sprechen, passiert das, was man gemeinhin als Uncanny Valley  bezeichnet: Der Betrachter fühlt sich unangenehm berührt und gruselt sich vor der Maschinenfrau. Sie ist einem nicht sympathisch, sondern unheimlich.

Sophia kann 62 ver­schiedene men­schliche Gesicht­sre­gun­gen im­i­tieren und echte Gespräche führen. Tat­säch­lich laufen im Hin­ter­grund aber eher ein­fache Sprachrou­ti­nen ab. Wer sich mit Sophia un­ter­hal­ten möchte, muss zu­dem seine Fra­gen Wochen vorher schriftlich ein­re­ichen, damit sie dahinge­hend pro­gram­miert wer­den kann. Auch wenn ihr Her­steller weis­machen möchte, dass aus Sophia men­schen­gle­iche In­tel­li­genz spricht, ist sie weit davon ent­fernt, wirk­lich men­schen­gle­ich zu agieren. Sophia ist eine gute Blenderin. Hin­ter ihrer Fas­sade ver­birgt sich je­doch keine echte In­no­va­tion.

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/2     Sophia ist ein Humanoider Roboter von Hanson           Robotics, der an Audrey Hepburn erinnern soll.
          © Getty/ Fabrice Coffrini /Staff (mod.)

       /3      Wenn Roboter uns zu ähnlich sein, fangen                       wir an, uns vor ihnen zu fürchten.
                    © Roman Pawlowski
 

Menschliche Roboter bleiben hinter den Erwartungen zurück

Auch die hu­manoiden Ser­vice-Ro­boter von Alde­baran Ro­bot­ics, dem franzö­sis­chen Ro­bot­er­her­steller, der seit 2014 vom japanis­chen Soft­warekonz­ern Soft­Bank geführt wird, bleiben weit hin­ter den Er­wartun­gen zurück. Die Ro­boter na­mens Pep­per, Romeo und NAO sollen in Zukunft als Wegge­fährten in der Al­ten- oder Krankenpflege einge­setzt wer­den. Noch sind die blech­er­nen Gesellen je­doch nicht mehr als ein be­wegliches Alexa mit Kuller­au­gen. Der Wun­sch nach einem Maschi­nen­but­ler, der Hil­fs­bedürftige in allen Lebenssi­t­u­a­tio­nen un­ter­stützt, ist nicht so le­icht zu er­füllen. Denn selbst für ein­fach­ste Auf­gaben wie das Ein­räu­men einer Spül­mas­chine bräuchte der Ro­boter eine so fil­igrane Mo­torik, wie sie heute auf dem Markt noch gar nicht existiert, geschweige denn in ab­se­hbarer Zukunft bezahlbar wäre. In­dem die Maschi­nen schon an den ein­fach­sten Auf­gaben scheit­ern, die darin beste­hen, eine max­i­male Men­schenähn­lichkeit vorzus­pie­len, wer­den sie zum ver­lachten Spielzeug.

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Julien De Sanctis, Philosoph bei SPOON - Atelier for Artificial Creatures, über Kollektive Intelligenz und Roboter als soziale Mediatoren.  
© Copyright too!

Künstliche Intelligenz neu gedacht

Sie nen­nen sich SPOON – Ate­lier for Ar­ti­fi­cial Crea­tures und sitzen im Cen­tqua­tre, einem Kul­turzen­trum des 19. Ar­rondisse­ments im Nor­den von Paris. Umgeben von Kün­stlern aller Art tüftelt das Team um den Grün­der und CEO Jérôme Mon­ceaux an einem neuar­ti­gen Konzept für kün­stliche In­tel­li­genz. Bevor der In­ge­nieur und Ro­botik­ex­perte Mon­ceaux SPOON ins Leben rief, ar­beit­ete er jahre­lang als Chief Cre­ative Of­fi­cer für Alde­baran Ro­bot­ics und war dort maßge­blich an der Kreation der bei­den Ser­vice-Ro­boter NAO und Pep­per beteiligt. Dort war ihm et­was Wichtiges klar gewor­den: wie er Ro­boter ab jetzt nicht mehr gestal­ten wollte.

Aus diesem Antrieb her­aus grün­dete er das Ate­lier for Ar­ti­fi­cial Crea­tures: Hier soll eine soziale KI entste­hen, die den Men­schen nicht im­i­tiert, son­dern ver­voll­ständigt. „Wir bei SPOON bezeich­nen uns als einen Tribe, aber wir wollen auch viele neue Tribes schaf­fen. Tribe be­deutet die Zusam­menkunft von Gle­ich­gesin­nten. Ein soziales Geflecht, ver­bun­den durch kün­stliche Intel­li­genz“, erk­lärt Mon­ceaux und führt durch eine licht­durch­flutete Werk­statt. Er bleibt vor einem Be­ton­block ste­hen, auf dem sich ein großer, weißer Ro­bot­er­arm befindet, an dem ein Bild­schirm mon­tiert ist. Ein Gesicht er­scheint auf dem tablet-großen Dis­play und grüßt freundlich. Es sieht aus wie die Kreuzung aus einer Katze und einem Streifen­hörnchen und heißt Spoony. Spoony ist eine Soft­ware, die es Men­schen er­lauben soll, in­tu­itiv und natür­lich mit der kün­stlichen In­tel­li­genz zu agieren. Erst der Avatar, das Gesicht vor der Tech­nolo­gie, macht die KI be­greif­bar. „Wir haben die Entschei­dung ganz ak­tiv getrof­fen, keinen anthropomor­phen, son­dern einen zoomor­phen Ro­boter zu de­sig­nen. Wir wollen keine Kopie des Men­schen her­stellen, son­dern et­was Neues pro­bieren“, erk­lärt der CEO weiter und tippt dabei auf den Bild­schirm. „Wir nen­nen Spoony eine Col­lec­tive Ar­ti­fi­cial In­tel­li­gence, weil unser Ro­boter durch ein ganzes Kollek­tiv lernt. Er ist ein Spiegel des Kollek­tivs.“

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/5   Spoonys Programmierstube im Atelier for                        Artificial Creatures im Norden von Paris

          © Roman Pawlowski 

       /6   Hier werden die Gesichtsausdrücke des                    zoomorphischen Roboters Spoony                                      programmiert
        © Roman Pawlowski
 

Die Frage nach der Moral der Künstlichen Intelligenz

Diese Art des Ler­nens kön­nte die Lö­sung für ein Prob­lem sein, das derzeit die gesamte Tech-Branche umtreibt: Es geht um KI, die auf­grund ihrer Pro­gram­mierung diskri­m­inierend han­delt. Das wirft viele Fra­gen auf: Wie kann ver­hin­dert wer­den, dass Ro­boter einzig und allein den moralis­chen Prinzip­ien des Pro­gram­mier­ers fol­gen, die dieser ih­nen mit seinem Code in die Wiege gelegt hat? Wie lässt sich eine of­fene Plat­tform schaf­fen, die dazulernt – und die dabei grundle­gen­den moralis­chen Prinzip­ien gehorcht? Wie also kön­nte die KI men­schlich han­deln, ohne ein Men­sch sein zu wollen?

Der Mann bei SPOON für solche Fra­gen ist Julien De Sanc­tis. Der studierte Philosoph ar­beitet an seiner Dok­torar­beit in ange­wandter Philoso­phie und Ro­bot­erethik und beschäftigt sich mit allen moralis­chen Fall­stricken, die das En­twick­eln von neuen Tech­nolo­gien mit sich bringt. Der 32-Jährige spricht leise und mit fes­ter Stimme. Er wirkt wie ein Ruhe­pol im en­er­gis­chen Treiben des Start-ups. „Wenn wir eine ethis­che KI schaf­fen möchten, müssen wir zwei Dinge beachten“, erk­lärt er.

Der Weg zur ethischen KI

Das er­ste sei Trans­parenz, das zweite Mitbes­tim­mung. „Ich als Philosoph muss ein­fach im­mer wieder be­to­nen: Hütet euch vor all den gängi­gen Pseudokonzepten von KI, die ver­sprechen, was KI nicht liefern kann!“, sagt De Sanc­tis. Damit meine er vor allem hu­manoide For­men. Diese wür­den zu Missver­ständ­nis­sen führen und die men­schliche Angst da­vor, aus­tauschbar zu sein, weiter be­feuern. „Man muss zusam­men ver­suchen zu ver­ste­hen, warum so viele Men­schen Angst vor dem Ro­boter, der KI, haben“, er­läutert der Philosoph. Die Antwort: „Seit Jahrhun­derten sind wir so stolz auf un­sere In­tel­li­genz. Dabei haben wir schon einige Ent­täuschun­gen er­lebt. Zum Beispiel, als wir fest­stellen mussten, dass die Men­schen und ihre Erde nicht in der Mitte des Uni­ver­sums ste­hen. Oder als Dar­win uns klar­ma­chte, dass wir keine über­legene Spezies, son­dern nur ein Teil des großen Ganzen sind.“ Kün­stliche In­tel­li­genz ist die große, narzis­stis­che Ent­täuschung der Gegen­wart: „Wir haben Angst, dass wir am Ende gar nichts Beson­deres sind, son­dern aus­tauschbar.“

Der zweite, ebenso wichtige Baustein für das Konzip­ieren eines ethis­chen Ro­bot­ers sei die Mitbes­tim­mung vieler, ergänzt De Sanc­tis und zeigt dabei auf den be­we­gungslosen Ro­bot­er­arm in der Ecke. „Derzeit sehe ich mehrere Möglichkeiten, neue Tech­nolo­gien zu en­twer­fen“, sagt er.

Zurzeit do­miniere lei­der der oli­garchis­che Weg, bei dem Google, Ama­zon und an­dere Großkonz­erne entschei­den, wie die Zukunft der Men­schheit auf tech­nol­o­gis­cher Ebene ausse­hen wird. Dazu müsse es Al­ter­na­tiven geben: „Wieso nicht einen Weg gehen, der möglichst viele Men­schen in den De­sign­prozess mitein­bezieht? Wieso nicht für je­den Bürger so et­was wie eine tech­nol­o­gis­che Staats­bürg­er­schaft ein­führen?“, fragt De Sanc­tis. „Tech­nolo­gie sollte nicht nur eine Frage der Tech­nik sein. Wir müssen Hu­man­wis­senschaften wie die Sozi­olo­gie, Psy­cholo­gie und Philoso­phie in den De­sign­prozess in­te­gri­eren. Warum sollte KI auss­chließlich in der Hand der In­ge­nieure und Coder liegen? Wir alle soll­ten ein Teil davon sein. Dann würde sich auch nie­mand bedroht fühlen.“

183_KI_graph/7   Studierende des US-amerikanischen Hauptfaches „Computer Science“ (1991-2015)       
         © Quelle: Wired via Centre for Education Statistics Integrated Postsecondary Education Data System

Mangelnde Diversität in der KI-Branche

Fakt ist, dass die gesamte Tech­nolo­giebranche von weißen, männlichen In­ge­nieuren do­miniert wird. Das US-amerikanis­che Mag­a­zin WIRED wertete in müh­samer Kle­in­star­beit Daten des Na­tional Cen­ter for Ed­u­ca­tion Sta­tis­tics aus und konzen­tri­erte sich dabei auf alle in den USA Studieren­den im Haupt­fach Com­puter Sci­ence. Das Ergeb­nis: Ein ex­or­bi­tan­ter Großteil der US-amerikanis­chen IT-Branche rekru­tierte sich bis 2014 aus der Gruppe weißer junger Män­ner. Nicht nur Frauen, son­dern auch an­dere Eth­nien sind völ­lig un­ter­repräsen­tiert.

Kein Wun­der also, dass KI vielerorts mit dem Vor­wurf des Ras­sis­mus und Sex­is­mus zu kämpfen hat. Denn: Maschinelles Ler­nen basiert da­rauf, dass von Men­schen gemachte Pro­gramme mit von Men­schen gemachten In­hal­ten gefüt­tert wer­den. Dabei übern­immt KI Vorurteile von Men­schen – und zieht Schlüsse, die nicht wert­neu­tral sein kön­nen. „Pro­gram­mierer müssen sich ihrer Ve­r­ant­wor­tung be­wusst wer­den und sich mit Geis­teswis­senschaftlern aus­tauschen“, resümiert De Sanc­tis. „Spoony ist zwar geschützt vor den Vorurteilen des Einzel­nen – aber nur dann, wenn die Gruppe, die mit Spoony in­ter­agiert, möglichst het­ero­gen ist.“

Die Zukunft der Robotik

Ist der Schlüs­sel für einen trans­par­enten, ethis­chen Um­gang mit kün­stlicher In­tel­li­genz das Kollek­tiv? De Sanc­tis ist fest davon überzeugt: „Wir müssen uns von al­ten For­men und Ideen lösen und zusam­men an neuen Konzepten ar­beiten.“ Ro­boter müssen nicht men­schenähn­lich ausse­hen und agieren, um unser Ver­trauen zu gewin­nen, son­dern ver­lässlich und vorherse­hbar sein. Sie soll­ten nicht der Hand einer einzel­nen ho­mo­ge­nen Gruppe entsprin­gen – son­dern ein Pro­dukt möglichst vieler, di­verser Im­pulse und In­ter­essen sein. Dann stünde einer angst­freien Koex­is­tenz nichts mehr im Wege.

 

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